Einladung zur Diskussion

Forum zum Austausch über Möglichkeiten und Grenzen von Ethikberatung im Rahmen der COVID-19-Pandemie.
schmitz-stolbrink
Beiträge: 2
Registriert: Do Mär 26, 2020 10:39 am

Re: Einladung zur Diskussion

Beitrag von schmitz-stolbrink » Fr Mär 27, 2020 11:29 am

Ergäzung zum Absender des vorherigen Beitrags:
Klinisches Ethikkomitee KLINIKUM Dortmund

scheidemantelj
Beiträge: 2
Registriert: Mi Apr 29, 2020 11:05 am

Re: Einladung zur Diskussion

Beitrag von scheidemantelj » Di Mai 05, 2020 7:37 pm

Zum Problem der Triage (ex ante) und des Alters:
Ärzt*innen stellen Indikationen. Normalerweise reichen die Ressourcen in unserem reichen Land aus, dass jede Indikation auch bedient werden kann. Triage im angedachten Sinn ist ein Verfahren, das dem Katastrophenfall vorbehalten ist, und das u.a. bedeuten kann, jemandem wegen eines Ressourcenkonflikts eine indizierte Behandlung nicht zukommen lassen zu können. Die dazu notwendige Legitimation ist zunächst eine politische. Die Konfliktsituation muss von einem politisch Verantwortlichen ausdrücklich festgestellt werden, der den Überblick über die verfügbaren Ressourcen auch an anderen erreichbaren Orten hat.
Ziehen wir CoVid19 als Beispiel heran: Dass in einer Klinik alle Beatmungsgeräte in Benutzung sind, bedeutet zunächst nur, dass der nächste beatmungspflichtige Patient in ein anderes erreichbares Krankenhaus mit entsprechender Ressource verlegt werden muss. Erst wenn in ganz Deutschland bzw in einem vertretbaren Flugradius weniger freie Geräte zur Verfügung stehen, als in diesem Moment nachgefragt werden, stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Verteilung der knappen Geräte an die Patienten erfolgt.
Ausgeschlossene Kriterien (nach dt. Grundgesetz bzw. Europ. Menschenrechtskonvention):
Art. 3 (3) GG: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Art. 14 EMRK: „Der Genuss der in dieser Konvention anerkannten Rechte und Freiheiten ist ohne Diskriminierung insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen oder sozialen Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt oder eines sonstigen Status zu gewährleisten.“
Das heißt, alle anderen Kriterien müssen nach med. und ethischen Gesichtspunkten diskutiert werden. Ob das Alter ein „sonstiger Status“ ist, bleibt unklar, aber doch eher nicht, weil es sich anders als ein Status fortlaufend ändert.
Für das Kriterium „Erfolgswahrscheinlichkeit“ stehen bei einer neuen Erkrankung keine empirischen Daten zur Verfügung. Bei Massenanfall von Verletzten geben das unterschiedliche Verletzungsmuster und die Verletzungsschwere Anhalte für die Überlebenswahrscheinlichkeit. Nicht so bei einer Seuche, bei der alle die gleiche Krankheit haben. Erforscht werden müssten zunächst der Einfluss verschiedener Begleiterkrankungen sowie verschiedener Differenzierungen der Therapie (Beatmungsmuster, Lagerung, Medikation) und anderer möglicher Einflussparameter.
In einer solchen Situation (d.h. nur wenn die vorgenannten Prämissen zutreffen) die Summe zu gewinnender qualitativer Lebensjahre (Alter!) und die Zahl abhängiger Personen (Kinder) als Kriterien heranzuziehen, ist womöglich nicht nur utilitaristisch, sondern auch kontraktualistisch (Rawls) begründbar.
Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass bei Zuteilungskonflikt des einzigen freien Respirators zwischen einer jungen Mutter mit 3 Kindern und einem 85jährigen sehr viele Ärzte für den Senior bzw für eine Auslosung votieren würden. Da der Ältere nicht fremdverzweckt, sondern Opfer eines tragischen Dilemmas wird, ist Kant hier nicht einschlägig.
Was meinen Sie?
Jochen Scheidemantel, Würzburg (Anästhesist i.R. und Ethikberater)

Antworten