Triage-Empfehlungen: Lässt sich die Rolle des Gewissens ausblenden?

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Martin Birkhäuser
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Triage-Empfehlungen: Lässt sich die Rolle des Gewissens ausblenden?

Beitrag von Martin Birkhäuser » So Mär 29, 2020 6:15 pm

Was mir bei der ganzen Debatte zu kurz kommt: Welche Rolle spielt eigentlich das Gewissen des Entscheidungsträgers? Es kommt schlicht nicht vor, weil die gesamte Problematik - zwar ausgehend von fundamentalen Werten unserer Gesellschaft und entsprechend verfassungsrechtlich garantierten Grundrechten - dann doch letztlich auf (medizin)-juristische Aspekte und Kriterien runtergebrochen und reduziert wird.

Ethische Entscheidungen – und um solche geht es hier - sind aber niemals bloß rechtlicher Natur, sondern immer auch Gewissensentscheidungen. Die Medizin-Ethik kennt zwei Aspekte des Gewissens: die „moralische Intuition“, und die „ethisch reflektierte Argumentation“. Eine ethisch verantwortbare Gewissensentscheidung wird beide Aspekte beachten und miteinander abwägen müssen.

Auch in einer Triage-Situation wird es unausweichlich Gewissensentscheidungen geben. Es kann dann vorkommen, dass das moralische Empfinden des Entscheidungsträgers in Konflikt gerät mit normativ-vorgegebenen Entscheidungskriterien. Diese Problematik findet, soweit ich weiß, in keiner Handlungsempfehlung Berücksichtigung. Man glaubt wohl, dass Priorisierungs-Entscheidungen allein auf dem Weg der Befolgung normativer Vorgaben zu lösen seien, und will auf diese Weise dem Gewissen die Last ersparen. Indem man das Problem ausblendet, ist es aber nicht weg.

Wäre es darum nicht sinnvoller, den (zugegeben unbequemen, weil subjektiven) Faktor „moralische Intuition“ bei Handlungsempfehlungen mindestens mit einzubeziehen? Oder besser noch: Könnte man nicht innerhalb der vorgegebenen Normen (Kriterien) einen Spielraum offenlassen, damit Entscheidungsträger im konkreten Einzelfall, wenn es ihr Gewissen fordert, auch anders handeln können, als es die Norm vorschreibt?
Ansonsten nimmt man in Kauf, dass von den Vorgaben abweichende moralische Gewissensentscheidungen – und solche wird es im Ernstfall sehr wahrscheinlich geben - im Tabubereich bleiben. Das wäre für das klinische Personal nicht nur sehr belastend, sondern auch rechtlich wiederum problematisch. Ein Handlungsspielraum für moralische Gewissens-Entscheidungen würde dagegen den MitarbeiterInnen bedeuten, dass ihre moralische Intuition auch zur Geltung kommen darf, und dass sie im Falle eines Konfliktes zwischen ihrem moralischen Empfinden und einer vorgegebenen Norm die Möglichkeit haben, eigenverantwortlich abzuwägen und zu entscheiden.

Martin Birkhäuser, Klinik-Seelsorger

scheidemantelj
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Re: Triage-Empfehlungen: Lässt sich die Rolle des Gewissens ausblenden?

Beitrag von scheidemantelj » Di Mai 12, 2020 6:19 am

Dankenswert, dass Sie das Thema Gewissen hier einbringen und auch die Unterscheidung machen zwischen Intuition und Reflexion. Die Intuition kann uns Fingerzeige geben, in welche Richtung wir weiter nachdenken müssen, oder uns als Gewissen leiten, wie wir uns mit Auswirkungen für uns selbst entscheiden. Für Entscheidungen im öffentlichen Raum mit Wirkung für Andere reicht das nicht aus, wie Peter Singer uns ermahnt:
"Wir können nicht einfach auf unsere Intuitionen vertrauen, selbst nicht auf jene, die wir in sehr hohem Maß mit anderen teilen, weil sie, wie wir gesehen haben, möglicherweise das Ergebnis unseres evolutionären Erbes und daher ein unzuverlässiger Wegweiser zu dem sind, was richtig ist." (Peter Singer: Praktische Ethik. 32013, Stuttgart RUB, S. 43)
Nun kann es für die Lösung tragischer Dilemmata keine Norm geben, weil ja beide Hörner des Dilemmas quasi mit einer Falschheit belastet sind; aber Entscheider*innen müssen sich z. B. für eine Triageentscheidung rechtfertigen können; müssen Begründungen nennen können, die in der öffentlichen Diskussion Bestand haben. Da die Dringlichkeit der Entscheidung die Reflexionszeit im Ernstfall begrenzt, ist es so wichtig, die Anwendbarkeit, Vor- und Nachteile gängiger Begründungssysteme vorab zu erörtern, damit die Kolleg*innen dann nicht "im Regen" stehen. (Zur Rolle des Alters für die Triage vgl. auch meinen Beitrag im Thread "Einladung zur Diskussion.)
Was meinen Sie?
Jochen Scheidemantel, Würzburg (Anästhesist i.R. und Ethikberater)

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